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#3 Domenic über BFD und Schloss Rheinsberg

Ihr wolltet schon immer wissen wie ein Handwerker aussieht, der in der Sozialarbeit tätig ist? Nee? Ich auch nicht. Wieso auch? Gibts sone komischen Menschen denn überhaupt? Offenbar ja und zwar in Rheinsberg. Domenic Franzky ist eines von diesen äußerst seltenen Exemplaren. Wenn ihr so eins mal zu Gesicht bekommen wollt, sucht ihr am besten in Jugendzentren. Oder auf Baustellen. Oder in privaten Häusern und Gärten, die Baustellen ähnlich sind. Oder bei Jugendverbänden. Oder bei den LINKEN . Oder in Schlossparks. Oder manchmal mit viel Glück läuft man ihnen auch einfach beim Einkaufen über den Weg. Auf jeden Fall findet man sie überall, wo es was zum Basteln gibt. Sei es an antiken Schaukeln oder an Beziehungen. Sie sind fantastisch, weil sie sich quasi für alle schönen Dinge des Lebens begeistern lassen. Wir haben mit Domenic geredet und herausgefunden was ihn bewegt und wie er vom Handwerk zur sozialen Arbeit gekommen ist.

Sozialistische Jugend – Die Falken

Domenic ist 19 Jahre alt und wohnt und werkelt hauptsächlich in Rheinsberg. Er lebt für kreative Ideen. Und wo kann man die besser umsetzen als in einem selbstverwalteten Jugendraum? Das ist der ‚Pavillon‘. Aber wie funktioniert das Konzept Selbstorganisation da eigentlich? Der Pavillon liegt in der Trägerschaft eines Jugendverbands: SJD – Die Falken. Was die so machen, wenn sie grad nicht damit beschäftigt sind Träger eines Jugendzentrums zu sein, könnt ihr euch hier auf ihrem Instagramprofil angucken.

Oder ihr schaut euch mal auf deren Website um, wenn Instagram euch zu Mainstream ist 😉 Die Falken machen momentan übrigens auch Online-Seminare. Wenn ihr da Interesse habt, meldet euch gerne bei uns – wir kriegen euch da eingeschleust.

https://www.falken-brandenburg.de

Der Träger ist vor allem Geld- und Ideengeber, aber auch Unterstützer und Begleiter. An sich werden alle wichtigen Entscheidungen aber von den aktiven Jugendlichen vor Ort getroffen. Da der Pavillon meine Einsatzstelle beim FSJ war, hab ich da (genau wie Domenic) einen tieferen Einblick erhaschen können.

Jugendzentrum Pavillon

Es gibt das PavillonTeam, welches sich aus engagierten Jugendlichen zusammensetzt, die bock haben, den Raum zu gestalten und ihn mit Leben zu füllen. Einmal im Monat treffen sich alle Teammitglieder zu einem Plenum, bei dem auch die Falken und ein Sozialarbeiter aus Rheinsberg dabei sind. Hier werden dann die großen Entscheidungen gemeinsam, demokratisch und gleichberechtigt gefällt. Ganz vieles besprechen die Pavillaner*innen aber auch einfach unter sich zwischendurch in ihrer Whatsappgruppe oder im Jugendzentrum, wenn man sich abends auf ein Bier und ein paar Runden Tischkicker trifft. Organisiert werden dann Workshops, Seminare, Aufräum- und Umgestaltungsaktionen, Nachmittage für Kinder und natürlich Partys und Konzerte. Hierbei spielt der/die FSJler*in bzw. BFDler*in eine wichtige Rolle, die hat momentan Domenic. Er ist irgendwie dafür da, alles zusammenzuhalten. Er setzt Impulse, gibt Ideen und hat eine enge Bindung zu den Falken und zum Team. Er hat die schwere Bürde sich mit der Stadt, mit Förderanträgen und mit weiteren etwas komplizierteren Dingen rumzuschlagen. Abgesehen davon, kann er aber im Prinzip (in Absprache mit den anderen Pavillaner*innen) alles machen, was er will und was mit dem Jugendschutzgesetz vereinbar ist. Der/Dem FSJler*in/BFDler*in sind hier generell wenig Grenzen gesetzt. Wenn du Lust bekommen hast Online-Konzerte zu organisieren, einen Graffiti-Workshop in die Wege zu leiten, einen Kochkurs anzubieten, dich bei Veranstaltungen um die Bühnentechnik zu kümmern oder einfach den ganzen Tag nur zu kickern und coole Leute zu treffen, mach ein FSJ oder BFD im Pavillon! Oder schau halt einfach nur mal so vorbei.

Wir freuen uns auf dich!

Wenn euch das momentan aufgrund der schwierigen Corona-Situation lieber ist, könnt ihr uns natürlich auch erstmal nur online auf unserer Instagramseite besuchen. Da gibt es viele Fotos und Videos von Veranstaltungen und Aktionen zu finden, die euch einen ersten Einblick in den Jugendraum und die Jugendarbeit in Rheinsberg verschaffen.

Freiwilligendienste

Wo wir grad schon beim Thema BFD und FSJ waren: Freiwilligendienste sind eine super Gelegenheit, nach der Schule erstmal rauszukommen, etwas zu erleben, tolle Menschen kennzulernen, erste Erfahrungen in der Arbeitswelt zu sammeln und sich zu orientieren. Der Landesjugendring ist zum Beispiel ein Trägerwerk, das FSJ-, FÖJ- und BFD-Stellen anbietet. Auf deren Website findet ihr eine lange Liste mit Einsatzstellen, auf die ihr euch bewerben könnt. Das geht von Kindergärten und Schulen über Jugendclubs, Jugendbildungsstätten, Tanzschulen bis hin zu Bauernhöfen und Forschungsinstituten.

https://www.ljr-brandenburg.de/Freiwilligendienste/

Und das coolste: Ihr lernt nicht nur durch eure Einsatzstelle interessante Leute kennen, sondern ihr habt auch noch die Möglichkeit auf Seminarfahrten andere FSJ/BFD/FÖJ-Kolleg*innen in eurem Alter zu treffen, die oft eure besten Freund*innen werden. Aber jetzt mal genug von diesen schönen Träumereien. Lasst uns über ein ernstes Thema sprechen.

Schloss Rheinsberg

Äh Moment mal… ernstes Thema? Ups weit gefehlt! Auch hierzu gibt es momentan nur Spinnereien. Und zwar von Seiten des Urenkels von Wilhelm Ⅱ – Georg Friedrich von Preußen – der gehört also zur Familie der Hohenzollern. Letztes Jahr verklagte er das Land Brandenburg auf 1,2 Millionen Euro, die als Entschädigung dafür dienen sollten, dass er seine Besitzansprüche nicht geltend machen konnte. Wait what?! Besitzansprüche auf was denn überhaupt? Vor etwa 100 Jahren, also 1918/19 wurde der Besitz der Dynastie Hohenzollern in der demokratischen Revolution beschlagnahmt und ist seitdem Staatsbesitz. Prinz Georg Friedrich forderte kostenloses Wohnrecht in früheren Hohenzollern-Schlössern und die Rückgabe von ziemlich vielen Exponaten aus Museen (also zum Beispiel Möbel, Gemälde, Textilien und son Kram). Dieser Wunsch wurde ihm nicht erfüllt. Klingt fies? Nö, ist es nicht. Seine Familie hat Hitler während der NS-Zeit nachweislich Vortrieb gegeben und somit zur Ermordung von Millionen von Menschen beigetragen. Klingt nicht mehr ganz so fies, ihm das Wohnrecht da nicht zuzusprechen oder? Man weiß eigentlich nicht ob man es traurig, erschreckend oder einfach nur lächerlich finden soll. Auf dieser Website findet ihr ausführliche Gutachten dafür, dass die Hohenzollern dem nationalsozialistischen System ‚erheblichen Vorschub‘ leisteten.

http://www.hohenzollern.lol/

Falls ihr keine Lust habt, seitenlange Nachweise zu lesen, könnt ihr euch auch einfach diesen Beitrag ansehen, den das ZDF mit Jan Böhmermann produziert hat – sehr informativ und gleichzeitig unterhaltsam.

Die Adelsfamilie war also für den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts verantwortlich. Zwischen 1904 und 1908 ließ Kaiser Wilhelm Ⅱ 10.000 Nama und 40.000-60.000 Herero in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika ermorden. Wenn ihr euch ausführlicher mit diesem schrecklichen menschenverachtenden rassistischen Teil der deutschen Geschichte auseinandersetzen wollt, lest diese Artikel. Lasst uns in einer Zeit, in der in unserer Gesellschaft leider immer so viele Menschen von Rassismus betroffen sind, diese Gräueltaten nicht in Vergessenheit geraten!

https://www.bpb.de/apuz/186874/widerstand-und-genozid-der-krieg-des-deutschen-reiches-gegen-die-herero?p=all

https://www.deutschlandfunk.de/deutsches-historisches-museum-restituiert-namibia-erhaelt.691.de.html?dram:article_id=449052

So. Wie war ich jetzt nochmal auf die Überschrift gekommen? Ach ja genau, Schloss Rheinsberg ist eines dieser ehemaligen Hohenzollern-Schlösser. Ich weiß nicht wie ihr zu den Forderungen der Familie steht, aber in Rheinsberg ist man sich einig: ‚Keine Geschenke den Hohenzollern!‘ So heißt auch die Initiative, die die Partei die LINKE in Brandenburg gestartet hat. Die Petition könnt ihr euch unter diesem Link genauer ansehen und unterschreiben. Ende letzten Jahres wurden bereits 14.000 Unterschriften gesammelt.

https://www.dielinke-brandenburg.de/politik/hohenzollern/

Politik?!

Ach wie einfach es doch manchmal sein kann, sich ein bisschen politisch zu engagieren. Ein, zwei Klicks und schon hat man zur Politik etwas beigetragen. Ist ja fast wie beim Wählen. Noch besser ist es natürlich, wenn man sich direkt in seiner Stadt, seinem Dorf oder dem Landkreis an Politik beteiligt. Das kann man ja auf unterschiedlichen Wegen machen. Petitionen sind ein guter Anfang, weitermachen kann man mit Demos, auch die Beteiligung in Jugendzentren ist Politik. Domenic empfiehlt aber, wenn man wirklich etwas bewegen will, einer Partei beizutreten und Aktionen in der Region zu unterstützen.

„Ich kanns nur jedem jungen Menschen ans Herz legen: Sucht euch eine Partei, bei der ihr sagt: ‚Die kann ich unterstützen, die vertreten meine Meinung, darauf hab ich bock.‘!“

Domenic Franzky

Robert hat sich da ein bisschen Sorgen gemacht und nochmal nachgefragt, ob es wirklich ganz egal ist welche Partei man unterstützt. Wichtig ist, sich umfangreich mit den Inhalten zu beschäftigen, die die Parteien vertreten, hinter die Kulissen zu blicken und zu erkennen, wenn eine Partei antidemokratisch ist. Bei einer Partei, die offen rassistische, homophobe oder andere rechte Positionen vertritt sollte man nicht nur zwei oder dreimal überlegen, ob man sich ihr anschließt, sondern eher so 73 oder 152 mal. Indem man solches Gedankengut fördert, fördert man gleichzeitig immer auch die Einschränkung der Rechte und der Freiheit anderer und oft auch (ohne es gleich zu merken) die von einem selbst.

Arbeitsrechte

Durch Politik könnt ihr eure Rechte aber auch schützen. Nämlich zum Beispiel eure Arbeitsrechte. Domenic hat in seinem Betrieb über einen viel zu langen Zeitraum hinweg nicht hinnehmbare Arbeitsbedingungen in Kauf genommen, bis er sich endlich für sich einsetzte. Der erste Schritt dafür, dass euch nicht das gleiche passiert wie ihm, ist Wissen!

„Die Pflichten, die stehen in eurem Arbeitsvertrag drin – aber die Rechte, die müsst ihr euch selber raussuchen.“

Domenic Franzky

Domenic hat in zwei Jahren unzählige 18-Stunden-Tage ertragen. Weil er sich für seine Rechte einsetzen wollte, führte er ein ehrliches Gespräch mit seinem Chef und bekam als Dank dafür eine Abmahnung nach Hause geschickt und schließlich auch noch die Kündigung. Wenn ihr ähnliche Probleme habt, nehmt sie ernst. Schiebt sie nicht beiseite. Lasst euch nicht einreden und redet euch selbst nicht ein, dass ihr sowas aushalten müsst. Kümmert euch um euch. Informiert euch und lasst euch nix gefallen! Niemand hat was davon, wenn ihr mit 20 ausgebrannt seid und euer Körper kaputt ist. Kein Mensch sollte unter solchen Bedingungen arbeiten müssen, also tut etwas gegen die Missstände, solange ihr noch Energie dafür habt. Hier gibts ihr ein Online-Handbuch zum Arbeitsrecht.

https://www.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Handbuch.html

Und auch, wenn ihr selbst nicht von schlechten Arbeitsbedingungen betroffen seid, organisiert euch, seid solidarisch und setzt euch für diejenigen ein, die bisher nicht das Glück hatten fair behandelt zu werden. Seitdem am 1. Mai 1856 die Menschen in Australien für den 8-Stunden-Tag auf die Straße gingen, wird dieser Tag als Internationaler Kampftag der Arbeiterklasse ‚gefeiert‘, wobei gefeiert das falsche Wort ist. Geht auf Demos, nutzt diesen Tag, um euch zu engagieren, aber lasst auch an allen anderen Tagen eure Stimme nicht ruhen. Das könnt ihr zum Beispiel machen, indem ihr Mitglied in einer Gewerkschaft werdet.

Heimwerken

Immer noch nicht genug vom Thema Arbeit? Ihr wollts einfach nicht sein lassen? Ihr könnt auch nach einem 18-Stunden-Tag nicht einfach mal still sitzen bleiben? Wie wärs mit ein bisschen Heimwerkeln? Domenic hat da so eine tolle Philosophie gegen die Wegwerfgesellschaft: Reparieren und Restaurieren ist die Devise. Abgesehen von Domenic Franzky gibt es noch einen anderen Heimwerkerkönig – Fynn Kliemann. Der hatte eine ähnliche Idee für Schaukeln und hat das ganze auch gefilmt. Hier gehts zum Video.

Ihr habt kein Material Zuhause, um euch praktisches Zeug zu bauen? Eigentlich wollte ich euch eine Karte erstellen, auf der ich Schrottplätze in OHV und OPR kennzeichnen wollte. Aber ich hab was viel tolleres gefunden! Dieses verrückte Internet bietet doch wirklich alles! Es gibt eine Website, auf der man die besten Schrottplätze in seiner Umgebung finden kann! Ist das nicht irre? Ihr müsst nur eure Stadt eingeben und schon bekommt ihr viel zuverlässigere Ergebnisse, als wenn ich euch da erst eine Karte mit Standorten zusammengetüdelt hätte! Also bitteschön, legt los und findet euren Traumschrottplatz💓

https://www.deinschrottplatz.de/

Domenics restaurierte Schaukel

Finnland – Vappu

Die Arbeit hat euch noch nicht losgelassen? Tja Leute… Uns lässt schon seit der ersten Podcastfolge der Frühling nicht mehr los. Monique war zum 1. Mai in Finnland. Da wird sich an dem Tag nicht nur für Arbeitsrechte eingesetzt, sondern auch für den Frühling. Schon am 30. April beginnt dort das Frühlingsfest ‚Vappu‘ und dann wird durchgefeiert. Mit Partys auf den Straßen, mit Paraden und Konzerten begrüßen hier (vor allem die Student*innen) den Frühling. Aber verschafft euch doch lieber selbst mal einen Eindruck.

Habt ihr Wünsche für Moniques nächste Reise oder wart ihr schonmal in einem Land mit interessanten Festen und Traditionen? Könnt ihr euch vorstellen einen Freiwilligendienst zu absolvieren? Engagiert ihr euch politisch? Hattet ihr auch schonmal Probleme bei der Arbeit, die euch belastet haben? Habt ihr während der Pandemie irgendwas gebaut? Was haltet ihr von den Forderungen des Prinzen von Preußen?

Noch ein kleiner Tipp, falls ihr durch das ganze Gerede von Schlössern Lust bekommen habt nach Rheinsberg zu fahren: Wartet damit lieber noch bis zum nächsten Jahr. Die Kammeroper vom Schloss Rheinsberg hat tolle Veranstaltungen, die auf 2021 verschoben wurden. Sucht euch doch hier schonmal was Schönes raus.

Ach äh, Rheinsberg ist übrigens auch ohne Veranstaltungen ganz hübsch und im Schlosspark lässt es sich trotz fehlender Konzerte ganz gut aushalten, wenn die Sonne scheint und man ein kühles Getränk und ein paar Freund*innen dabei hat.

Fragerei

  • Bist du eher Frühaufsteher*in oder Langschläfer*in?
  • Magst du lieber Senf-Honig-Sauce oder Barbeque-Sauce?
  • Würdest du eher in die Vergangenheit oder in die Zukunft reisen?
  • Würdest du lieber Dinge oder dich selbst beamen können?
  • Was war das Peinlichste, das dir je passiert ist?
  • Was war das Mutigste, das du je getan hast?

In diesem Sinne… Seid wild und frech und widerständig!

Eure Luise & Team